Akademische Basiskompetenzen in Zeiten von KI

Future Skills

Lesen und Schreiben ist nicht mehr zukunftsrelevant. Zu diesem Schluss muss man gelangen, wenn man die einschlägigen Sammlungen auswertet, die mit „Future Skills“ überschrieben sind. So blieb in acht deutschsprachigen Publikationen, erschienen zwischen 2014 und 2026, die Suche nach Wörtern, die mit „lese-“ oder „schreib-“ beginnen, trefferlos.1 Das Wort „Kommunikation“ taucht einige Male auf, jedoch verstanden als mündliche Rede oder interkultureller Austausch, eingeordnet als soziale Fähigkeit mit Relevanz für das spätere Arbeiten im Team.

Seltsamerweise werden in allen Future-Skills-Sammlungen dennoch hochkomplexe Bildungsinhalte aufgelistet, darunter „fachspezifische Theorien“ (ETH 2021), „Digitale Ethik“ (Horstmann 2026), „Robotics“ (Stifterverband 2025), „Quantencomputing“ (Stifterverband 2021) oder „Systemkompetenz“ (Ehlers 2020). Warum scheinen die Verfasser* zu glauben, man könne sich in solche schwierigen Sachthemen einarbeiten, ohne eine ausgeprägte Kompe­tenz in Lesen und Schreiben zu besitzen?

Auf diese Frage gibt es zwei Antworten: Entweder werden Lese- und Schreibkompetenzen für selbstverständlich gehalten oder für obsolet. Beides ist offenkundig falsch. Zwar sind Studie­rende keine Analphabeten, doch sind die Herausforderungen beim Auswerten und Verfassen wissenschaftlicher Texte für die meisten sehr hoch und die Mühen, diese Kompetenzen im Laufe des Studiums auszubilden, beachtlich. Jeder Lehrende* weiß, dass sich viele schwer damit tun und dass aus der Schule in dieser Hinsicht wenig mitgebracht wird. Doch ohne fleißiges Training bildet man keinen neuen Fähig­keiten aus, diesen grundlegenden Zusammenhang der Lernpsychologie kennt jeder aus eigener Erfahrung. Wenn KI-Tools das Denken, Verstehen und Lernen ersetzen, werden die Studienziele nicht erreicht.

Die zweite Antwort, die aggressive populistische Behauptung, Lesen und Schreiben sei obsolet, weil dank KI überholt, unterminiert Bildung als solches. Sie wird meist nicht explizit gemacht und ergibt vor allem aus kommerzieller Sicht einen Sinn: als Marketingstrategie für Aufwandsvermeidungstools, die allzu schnell unverzichtbar werden und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten untergraben. Sie machen ihre Nutzer* abhängig und sorgen somit für maximale Kundenbindung.

Hochschulschreibdidaktik

Den Schreibzentren an den Hochschulen stellt sich seit Ende 2022 die Frage, wie mit der neuen Situation frei verfügbarer generativer KI umzugehen sei. Wie können Studierende weiterhin darin unterstützt werden, ihre akademischen Schreibfähigkeiten auszubauen? Das berufliche Schreiben wird in Zukunft allerorts KI-basiert sein, so viel steht fest.

Manche Schreibzentren akzeptieren die neue Realität und sehen ihre Aufgabe von nun an darin, KI-gestütztes Schreiben zu vermitteln. Ihr Argument: Studierende sollen und wollen den Umgang mit der neuen Technologie erlernen, um später professionell damit umgehen zu können. Andere Einrichtungen verweisen auf die zukunftsrelevante KI-Kontrollkompetenz. Ihr Argument: KI-Output lässt sich nur beurteilen und kompetent weiterverwenden, wenn zuvor die Fähigkeit aus­gebildet wurde, denselben Text eigenständig und ohne Rückgriff auf Hilfsmittel zu verfassen. Um diese eigenständige Schreibkompetenz zu erwerben, müssen KI-Tools im Schreibtraining jedoch außen vor bleiben. Wären in der Grundschule Taschenrechner erlaubt, würden die Grundrechenarten nicht mehr erlernt. Gleichermaßen verhält es sich mit KI-Tools und dem akademischen Schreiben und Denken.

Beide Lager haben gute Argumente für sich. Einig sind sie sich in der Sorge um die Schreibbio­grafien der Studierenden, in die eine gewohnheitsmäßige KI-Verwendung große Lücken reißt. Un­einig sind sie sich in der Bewertung der möglichen Vorteile, die die neuen Tools bieten könnten. Die meisten Schreibzentren werben für lernförderliche Einsatzszenarien, vermitteln Kenntnisse über die Funktionsweise generativer KI und weisen auf die Risiken der KI-Verwendung im Studium hin, Risiken für das Lernen, das Kri­tische Denken, die Kreativität, die Wissensgesellschaft, die Demokratie.

Netzwerkkooperation

2025 und 2026 diskutierte das Netzwerk der Schreibzentren in Baden-Württemberg auf seinen Tagungen die Rolle der Basiskompetenzen im Studium. Mehrere Mitglieder des Netzwerks hielten Workshops ab und bildeten eine Arbeitsgruppe, die das Thema bei regelmäßigen digitalen Zusammenkünften und schriftlich in Onlinetabellen vertiefte und aufschlüsselte.

Einig war man sich darin, dass es universelle Basiskompetenzen gibt, die in jedem Studiengang, von MINT-Fächern bis hin zu den Geisteswissenschaften, ausgebaut werden sollen. Überall gilt es, sich die Denkweise seines Faches zu eigen zu machen, Fach­inhalte kennenzulernen und Fachwissen zu erwerben. Dazu müssen Fachtexte gelesen und verstanden, das wissenschaftliche Schreiben erlernt und eigene Gedanken zu Papier gebracht werden. Endziel jedes Studiums ist die Befähi­gung der Absolventen*, am wissenschaftlichen Diskurs ihres Faches teilzu­nehmen und diesen um neue Erkenntnisse anzureichern.

Der Ausbau des Wissens, des Denk­vermögens und der Lese- und Schreibfähigkeit soll einhergehen mit einem Rei­fen der Persönlichkeit und des Verantwortungsbewusstseins für inner- und außerfachliche Be­lange. Letzteres ist nicht „Gedöns“, sondern ein wesentlicher Bestandteil der akademischen Ausbildung. Das junge Erwachsenenalter, der übliche Zeitrahmen des Studiums, ist wohl für jeden eine prägende Zeit, in der Weichen gestellt und Leitplanken errichtet werden. So gibt etwa das baden-württembergische Landeshochschulgesetz als universelles Studienziel vor, „dass die Studierenden […] zu verantwortungsvollem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat befähigt werden” (LHG BW § 29, 1).

Das hier vorgelegte Basiskompetenzmodell mit den Eckpunkten Denken, Lesen, Schreiben, Wissen und Ethos verdankt seine Entstehung der Zusammenarbeit im Netzwerk und in der Arbeitsgruppe Basiskompetenzen. Monika Oertners Konzeptidee von 2024 löste viele fruchtbaren Gespräche und einige Folgeprojekte aus. Allerdings zeigte sich, dass die Auffassungen zu dem hochkontroversen Themenfeld „Studium und KI“ weder innerhalb des Netzwerks noch innerhalb der Arbeitsgruppe ausreichend einhellig waren, um das Kompetenzmodell als Gruppenpublikation auf den Weg zu bringen. Im Konsens beschloss man im Mai 2026, das Thema auf verschiedene Fragestellungen aufzuteilen und in kleineren Schreibgespannen weiterzuverfolgen. Für die hier vorliegenden Texte, das Webdesign und die Gestaltung des 3D-Modells zeichnet durchgehend die Autorin verantwortlich. Dies gilt insbesondere auch für die einseitig kritische Haltung gegenüber dem Gebrauch von KI-Chatbots.

Schädlicher KI-Gebrauch

Das auf dieser Webseite publizierte Modell fokussiert auf das komplexe und empfindliche gegenseitige Abhängigkeitsverhält­nis seiner fünf Komponenten – Denken, Lesen, Schreiben, Wissen und Ethos – in ihrem dynamischen Ausbau im Verlauf des Studiums. Wird ein Kompetenzer­werb durch intensiven KI-Gebrauch gestört oder nur vorgetäuscht, gerät der Studienerfolg als Ganzes in Gefahr [F2, O3, K1].

Mit „KI“, „Künstliche Intelligenz“, sind in dieser Publikation Chatbots gemeint, die auf Großen Sprachmodellen basieren und responsiv auf Nutzeranfragen reagieren, inklusive aller Arten von digitalen Tools, die diese Fähigkeit zum Generieren, Redigieren und Komprimieren von Texten nutzen. Die interaktive dreidimensionale Infografik berücksichtigt die folgenden potenziell schädlichen KI-Nutzungsarten:

  • Informationsbeschaffung per KI,
  • KI-Textauswertung,
  • KI-Gliederungsvorschläge,
  • Ideenfindung per KI,
  • KI-Texterstellung,
  • KI-Textbearbeitung.

Unterhalb der Grafik sind die negativen Folgen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene aufgeführt.

Behutsam abwägende Stellungnahmen zum Thema KI in der Bildung liegen bereits vor. Dieses Modell fokussiert einzig auf die Negativfolgen von KI auf die Hochschulbildung und impliziert einen KI-Verzicht bei Schreibaufgaben im Studium [G2, F2, O2, O3, M4]. Dass KI von Studierenden mitunter auch lernförderlich eingesetzt wird, soll nicht bestritten werden. Nach Einschätzung der Autorin handelt es sich dabei jedoch um ein Randphänomen.  

Stand: 8.6.2026

Dr. Monika Oertner, Konstanz

*Genderhinweis: Die hier verwendete Methode, Geschlechtergerechtigkeit beim Schreiben anzudeuten, ist das Wache Maskulinum.

1 vgl. Future Skills in der Hochschullehre, Nina Horstmann/CHE (2026); Future Skills 2030, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft (2025); Future Skills 2030 für Baden-Württemberg, Institut der deutschen Wirtschaft (2023); Kompetenzraster, ETH Zürich (2021); Future Skills 2021, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft (2021); Future Skills, Ulf-D. Ehlers (2020); Future Skills Navigator, The Future Company (2023); Inner Development Goals, IDG Foundation (2021); Future Skills Concept, SBW Haus des Lernens (2014)