Akademische Basiskompetenzen

Ihr empfindliches Zusammenspiel
und ihre Gefährdung durch KI-Gebrauch,
dargestellt im 3D-Modell

KI-Gebrauch bei den Schreibaufgaben im Studium birgt persönliche und gesellschaftliche Gefahren, behindert den Kompetenzerwerb und entwertet die Bildungsabschlüsse. Das 3D-Modell zeigt, welche Basiskompetenzen im Studium erworben und ausgebaut werden. Sie sind zeitloses Vermittlungsziel (also auch unerlässliche „Future Skills“) und für jedes Hochschulstudium grundlegend. Die spezialisierteren Studieninhalte bauen darauf auf.

Lesen, Schreiben, Denken, Wissen und Ethos bilden die Eckpunkte des Modells. Sie stehen miteinander in gegenseitiger Abhängigkeit. Daher sind an jeder Kante des Deltaeders zwei anklickbare Erläuterungen verankert (a unterstützt b; b unterstützt a). Mit gedrückt gehaltener Maustaste (oder einem Finger auf dem Touchscreen) lässt sich der Deltaeder nach Belieben drehen. Die Texte sind als Denkanstöße zu verstehen. Auf Quellenangaben wurde bewusst verzichtet.
Mit „KI“, „Künstliche Intelligenz“, sind Chatbots gemeint, die auf Großen Sprachmodellen basieren, responsiv auf Nutzeranfragen reagieren und Texte generieren, redigieren und komprimieren. Berücksichtigt wurden die KI-Nutzungsarten Informationsbeschaffung per KI, KI-Textauswertung, KI-Gliederungsvorschläge, Ideenfindung per KI, KI-Texterstellung und KI-Textbearbeitung.

Mit gedrückt gehaltener Maustaste (oder einem Finger auf dem Touchscreen) lässt sich der Deltaeder nach Belieben drehen. Die Markierungen sind anklickbar und erläutern die Relationen zwischen den Basiskompetenzen. Die Texte sind als Denkanstöße zu verstehen. Auf Quellenangaben wurde bewusst verzichtet.

Wissen > Denken

Wissen unterstützt das Denken.

Die als „Google-Effekt“ bezeichnete Annahme, man müsse sich heute nichts mehr merken, da sich alles im Internet jederzeit wieder nachschauen lasse, hat durch KI-Auskunfteien eine neue Dimension erreicht. Die Annahme ist jedoch nicht nur deshalb falsch, weil KI-Auskünfte ihrer Natur nach unzuverlässig sind, sondern weil dabei außer Acht gelassen wird, dass eigenes Wissen die Grundvoraussetzung sinnvollen Nachdenkens ist.

Fundament: Der Erfolg eigener Denkanstrengungen beruht auf der eigenen Kreativität, der Übung und dem Ausgangsmaterial des Denkens, dem Wissen. Letzteres bedingt den Unterschied zwischen Mutmaßen und Schlussfolgern.

Orientierung: Für Orientierung in der Welt der Information sorgt die Allgemeinbildung, für fachliche Urteilskraft die Fachbildung.

Kritik: Fundierte Kritik basiert auf Sachverstand und einer genauen Kenntnis der Thesen, Argumente und Ausgangspunkte der gegnerischen Position. Sie ist kein Geschmacksurteil im Sinne eines Likes (gefällt mir, gefällt mir nicht).

Schutz: Wissen macht immun gegenüber Irrlehren, Desinformation, Fake News, Propaganda, Marketingversprechen und Verschwörungstheorien. Deren Implausibilität sticht sofort ins Auge, der Abgleich mit dem gespeicherten Tatsachenwissen kostet keine Zeit.

Können: Deklaratives Wissen unterstützt das Denken, prozedurales Wissen unterstützt das Können. Können beruht auf dem Gewusst-Wie (Know-how). Im Studium werden Theorie- und Praxiswissen geschult. Beispielsweise muss das praktische Handwerkszeug des Experimentierens beherrscht werden, um im Labor empirische Erkenntnis erlangen zu können, die wiederum im Licht des aktuellen Stands der Forschung theoretisch einzuordnen ist.

Wissen > Lesen

Wissen unterstützt das Lesen.

Wer einen Fachtext aus einer unbekannten Disziplin zur Hand nimmt, wird große Schwierigkeiten haben, überhaupt zu verstehen, worum es geht. Umgekehrt gilt: Je mehr Wissen über den erwartbaren Inhalt und die Konventionen der Textgattung vorhanden ist, desto einfacher und gewinnbringender wird die Lektüre sein.

Verständnis: Texte sind adressatenorientiert geschrieben. Ihre Autoren* hatten einen bestimmten Adressatenkreis im Blick, mit einem spezifischen Vorwissen, Verstehens- und Erwartungshorizont und spezifischen Vorlieben und Erwartungen. Nur wer zu diesem Adressatenkreis gehört, wird dem die Text die Botschaften entnehmen können, die dieser senden will. Der eigene Wissenstand bedingt die Anschlussfähigkeit des Textes und damit den Nutzen der Lektüre.

Textkritik: Um einen Text kritisch würdigen und beurteilen zu können, müssen sein Thesen verstanden und zum aktuellen Forschungsstand in Bezug gesetzt werden können. Beides setzt umfangreiches Wissen voraus.

Lesewissen: Das Wissen darüber, wie man einen Text am besten liest und auswertet, erwirbt man durch jahrelange Übung. Die Fähigkeit zur Antizipation beim Lesen wird im Laufe der Zeit immer stärker verfeinert. Wer mit genauen Erwartungen hinsichtlich der Struktur des Textes, der Abschnittsinhalte, des Wortfeldes in den Fachsprachen Deutsch und Englisch, der intertextuellen Bezüge, der Ergebnisdarstellung usw. an einen Text herantritt, dem stechen die Wissenserträge, aber auch Schwächen und Unklarheiten, sofort ins Auge. Für die Lesefähigkeit trifft der „Matthäus-Effekt“ – war da hat, dem wird gegeben – in besonderem Maße zu: Vielleser empfinden keinerlei Anstrengung beim Lesen, es gleicht für sie einer Sinneswahrnehmung.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Textauswertung: Wer Texte nicht selber liest, sammelt keine Leseerfahrung an. Lesen bleibt für ihn anstrengend und schwierig und der Wissensschatz der Menschheit weitgehend verschlossen.

Wissen > Schreiben

Wissen unterstützt das Schreiben.

Publikationen gibt es wie Sand am Meer. Ob man dieser Schwemme einen weiteren Tropfen hinzufügen möchte, will gut überlegt sein. Es lohnt sich, wenn der Erkenntnisfortschritt der Menschheit dadurch tatsächlich ein klein Wenig befördert wird. Um dies abschätzen zu können, bedarf es umfangreichen Wissens.

Fundament: Um etwas Mitteilenswertes zu Papier zu bringen, ist grundlegendes und spezialisiertes Wissen erforderlich. Der aktuelle Stand der Diskussion muss bekannt und verstanden sein. Dies setzt einige Rechercheanstrengungen, ein hohes Lesepensum, sorgsamen Umgang mit den Quellen und ein gutes fachliches Basiswissen voraus.

Know-how: Je geübter ein Autor* ist, je mehr er er gelesen hat und je mehr er über Sprache und Schreiben weiß, desto besser werden seine Texte sein. Schreibwissen, also Wissen zu Stil, Grammatik und Konventionen, unterstützt das Schreiben ganz konkret. Es umfasst deklarative und prozedurale Inhalte: Theoriewissen und praktisches Können.

Relevanz: Der einzig legitime Zweck einer Veröffentlichung besteht darin, den Themendiskurs um Erkenntnisse anzureichern, die für die Fachleser* neu und interessant sind. Es verbietet sich, bereits publizierte Inhalte wieder „aufzuwärmen“. Allein aus Prestigegründen zu publizieren, ist nicht legitim, auch wenn manche glauben, einem dahingehenden Erwartungsdruck entsprechen zu müssen.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Texterstellung: KI-generierte Fachbeiträge stellen eine besonders verantwortungslose Form des Ideen-Recyclings dar. Sie verwässern das Menschheitswissen, verunreinigen es durch Halluzinationen, gefährden das Wissenschaftssystem in seinem Bestehen und weichen den Boden auf, auf dem unsere liberale Wissensgesellschaft steht.

Lesen > Wissen

Lesen unterstützt das Wissen.

Lesen vermittelt neues und aktiviert vorhandenes Wissen. Der Wissenserwerb im Studium beruht auf der Lektüre von Fach- und Lehrwerken. Dabei kommen verschiedene Lesetechniken in Kombination zum Einsatz.

Orientieren: Durch das Überfliegen eines Textes (globales Lesen) wird schnell erkannt, worüber ein Text handelt und ob er für das eigene Forschungsinteresse relevant ist. Beim Querlesen eines Abstracts oder dem Klappentext eines Buchs verschafft man sich einen Überblick über die abgedeckten Themen.

Suchen: Beim selektiven Lesen wird nach bestimmen Wörtern oder Themenfeldern gesucht. Ein Beispiel wäre eine Suche im Inhaltsverzeichnis eines Sammelbands nach Beiträgen zu einem bestimmten Thema.

Tiefes Lesen: Bei detaillierten Lesen (close reading) werden Textpassagen intensiv, d. h. mehrfach Wort für Wort gelesen und ausgewertet. Dabei wird das Gelesene genau durchdacht, markiert, annotiert, kommentiert und exzerpiert und gegebenenfalls später im eigenen Text zitiert und diskutiert (siehe Schreiben > Wissen). Für das Leseverständnis gibt es eine Menge optischer, kognitiver und metakognitiver Erfüllungsbedingungen, darunter Konzentration, Lesemotivation, Lesestrategien, Übung, Fakten-, Fach- und Konventionswissen, Erfolgskontrolle und kritische Distanz.

Wissenserwerb: Die Lerninhalte im Studium werden zum großen Teil aus Lehrwerken, Skripten und Fachtexten entnommen. Das vorhandene Wissen wird um neue Inhalte und Querverbindungen erweitert.

Wissensfestigung: Beim Lesen wird nicht nur Neues erfahren, sondern auch Bekanntes hervorgeholt und zu den neuen Informationen in Bezug gesetzt. Durch die Aktivierung wird das vorhandene Wissen besser gespeichert, stärker eingebunden und leichter abrufbar gemacht.

Wissensrevision: Häufig stimmen nicht alle Textaussagen mit dem vorhandenen Wissen überein. Überall dort, wo sie von den eigenen Erwartungen abweichen, muss innerlich ausdiskutiert werden, welche These plausibler ist und ob die eigene Auffassung revidiert werden sollte. Für die Überzeugungskraft neuer Argumente ist ihre Begründung entscheidend, die Aktualität der Forschung und der fachliche Hintergrund der Beteiligten.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Textauswertung: Um das Lernpotenzial von Texten für den impliziten und expliziten Wissenserwerb, die Wissensfestigung und Wissensrevision auszuschöpfen, muss man sie selbstverständlich selber lesen.

Informationsbeschaffung per KI: Sich beim Wissenserwerb auf unzuverlässige und häufig fehlerhafte KI-Auskünfte zu verlassen, wäre risikoreich und ineffizient.

Lesen > Schreiben

Lesen unterstützt das Schreiben.

Die wichtigste Schule des Schreibens ist das Lesen. Dabei analysiert man, wie andere schreiben, und schaut sich – häufig unbewusst – deren Tricks und Methoden ab.

Implizites Lernen: Beim Lesen entnimmt man einem Text viel mehr als bloße Sachinformationen. Man nimmt nicht nur wahr, was dargestellt ist, sondern auch wie es dargestellt ist. In einem langsamen und überwiegend unbemerkt ablaufenden Lernprozess wird prozedurales Wissen darüber erworben, wie fachliches Schreiben funktioniert, man „schaut es sich ab“. Man baut seinen Fachwortschatz aus, lernt das Argumentieren und Zitieren und erwirbt Textsortenwissen. Ein Fachtext hat einen festgelegten Aufbau und verwendet besondere sprachliche Mittel, die das Forschungshandeln wiedergeben (Prozeduren). Neben der beim Lesen stattfindenden fachlichen Enkulturation verbessert man seine Sprachbeherrschung, Grammatik- und Rechtschreibkenntnisse.

Textanalyse: Die beschriebenen implizit ablaufenden Lernvorgänge können bewusst angeregt werden, indem die Machart eines Textes und die darin verwendeten sprachlichen Mittel gezielt analysiert werden, z. B. durch vorgegebene Fragen zu Stil und Darstellungsweisen des Textes. Stärken schaut man sich ab, Schwächen und Marotten lernt man zu vermeiden. Der analytische Blick auf Texte sollte im Laufe des Studiums zur Routine werden. Er ist grundlegend für die sprachlich-stilistische Revision der eigenen Texte.

Inspiration: Die angelesenen Thesen und Inhalte fordern zur Diskussion heraus. Sie regen die Leser dazu an, selbst dazu Stellung zu beziehen und in eigenen Texten darauf Bezug zu nehmen, zustimmend, ablehnend oder neutral referierend (siehe auch: Lesen > Wissen).

Zitieren: Ein Ziel der wissenschaftliche Textauswertung ist die wörtliche oder sinngemäße Integration fremder Gedanken in den eigenen Text. Dies kann verschiedenen Zwecken dienen, z. B. der Faktensicherung, Herleitung, Anbindung, Unterstützung oder Glaubwürdigkeitssteigerung der eigenen Argumentation, fallweise auch der Auseinandersetzung und Abgrenzung im Sinne einer fachöffentlichen Replik.

Rückmelden: Lesen unterstützt fremdes Schreiben in Form eines fundierten, wertschätzenden und konstruktiven Feedbacks. Dies setzt eine genaue Lektüre und eine vertiefte gedankliche Auseinandersetzung mit den Textaussagen voraus. Auch für das eigene Schreiben ist es lehrreich, anderen Verbesserungsvorschläge hinsichtlich der Faktenlage, der Plausibilität ihrer Argumentation, ihrer Zitierweise, potenziell missverständlichen oder ungewollt provokanten oder komischen Stellen, ihres Stils, eventueller Stilblüten, sich häufenden Lieblingswörtern und ‑konstruktionen, ihrem Sprachgebrauch, ihrer Sprachrichtigkeit und Formbeherrschung zu machen.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Textauswertung: Sie verhindert implizites Lernen, Textanalyse und konstruktive Rückmeldungen.

KI-Texterstellung: Sie ersetzt eine argumentative Bezugnahme und kreative Weiterverarbeitung des Angelesenen, die Inspiration verpufft.

Lesen > Denken

Lesen unterstützt das Denken.

Beim Lesen schaut man sich ab, wie andere denken. Man wird beeinflusst, angeregt und herausgefordert durch die Lektüre.

Information: Durch Lesen mehrt sich das Wissen und damit das „Denkmaterial“, die Ausgangsbasis des eigenen Denkens. Texte liefern Antworten auf eigene Fragen und Erklärungen für bisher Unverstandenes. Sie sind Lern- und Informationsmittel.

Inspiration: Beim Lesen erhält man eine Vielzahl an Denkanstößen. Teilweise geschieht dies auf der Textoberfläche, durch die vermittelten Sachinhalte, teilweise aber auch subtiler, durch Assoziationen, die der Text weckt, z. B. durch eine bestimmte Formulierung oder eine argumentative Struktur, die sich auf das eigene Thema übertragen lässt.

Herausforderung: Das Lesen kontroverser Texte fördert das kritische Denken, da ein beständiger Disput mit dem Text geführt werden muss. Das vorhandene Wissen muss infolge der neuen Erkenntnisse gegebenenfalls revidiert werden (siehe Lesen > Wissen).

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Textauswertung: Per KI generierte Kernaussagen eines Textes sind oft falsch oder unvollständig. Inspiration und Herausforderung beim Lesen bleiben aus.

Informationsbeschaffung per KI: KI-Output ist inhaltlich unzuverlässig und wenig originell; es sind nicht die inspirierenden Gedanken eines anderen Geistes, sondern ein statistisch ermittelter Tokenbrei.  

Lesen > Ethos

Lesen unterstützt das Ethos.

Lesen macht aus Lesern Lesepersönlichkeiten. Leser* sind in gewisser Weise die besseren Menschen.

Bildung: Lesen bedeutet Horizonterweiterung. Ein belesener Mensch ist einer, der viele Aspekte der Wirklichkeit und der Fiktion kennengelernt und sich ein breites Wissen aufgebaut hat. Sein Geist in darin geschult, fremden Gedankengängen zu folgen. Seine angelesenen Kenntnisse ermöglichen ihm einen leichten Zugang zu Neuem.

Empathie: Das Ergebnis jahrelanger Lektüre fiktionaler Literatur ist eine Art Herzensbildung. Lesepersönlichkeiten sind erfahren darin, die Welt mit den Augen eines anderen zu sehen. Sie sind anderen Standpunkten gegenüber tolerant, denn sie wissen, dass auch Antihelden gute Gründe für ihr Handeln haben. Sie sind immun gegen Vorverurteilungen und Schwarzweißdenken.

Fantasie: Lesen erfordert von den Lesenden eine rege geistige Mitarbeit. Es ist ein aktiver, konstruktiver Prozess. Die Arbeit von Regie, Casting, Maske, Szenenbild usw., die aus einem Drehbuch einen Film werden lässt, ist beim Lesen der eigenen Fantasie überlassen. Jeder Lesende liest daher ein vollständig anderes Buch.

Sprachschatz: Lesen ist nicht nur das Dekodieren von Information, sondern auch das Vertiefen der eigenen Sprachfähigkeiten. Dies reicht vom Ausbau des Wortschatzes über das implizite Erlernen von Ausdrucksweisen bis hin zum ästhetischen Genuss am Sprachkunstwerk. Das akademische Lesen vermittelt die Fachsprache und das fachliche Denken.

Enkulturation: Durch das Lesen von Fachliteratur wird man zur Fachperson. Man übernimmt die besondere Art der Perspektive, Fragestellungen, Methoden, Sprache und Ergebnissicherung seines Faches. Dieser Lernprozess geschieht explizit als bewusstes Erlernen und implizit als unbewusste Anverwandlung.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Textauswertung: Die Formung der eigenen Lesepersönlichkeit bedarf unzähliger ungestörter, tiefer, bereichernder Lesestunden und ist ein lebensbegleitender Prozess. Ihn abkürzen zu wollen, verfehlt den Kern der Sache.

Denken > Wissen

Denken unterstützt das Wissen.

Die Erfahrung lehrt, dass Schulstoff, der am Vorabend der Klausur auswendig gelernt wurde, bereits einige Tage darauf nicht mehr abrufbar ist. Um Wissen zu festigen und zugänglich zu halten, muss es durch aktive Denkprozesse immer wieder erneut aus dem Langzeitgedächtnis hervorgeholt, angewendet, bearbeitet und revidiert werden. Nachhaltiges Lernen (deep learning) wird möglich durch Reflexion, Anbindung, Revision und Transfer.

Reflexion: Durch die gedankliche Bearbeitung – verstehen, durchdenken, hinterfragen, kritisch betrachten, diskutieren – wird aus Information Wissen. Die Schreibaufgaben im Studium unterstützen die gedankliche Durchdringung der Lerninhalte.

Anbindung: Neue Informationen werden zu vorhandenem Wissen in Bezug gesetzt und damit verknüpft. Lehrpläne basieren auf diesem Prinzip des beständigen Aufbaus von Wissen auf dem Fundament des vorhandenen.

Revision: Neue Informationen können das vorliegende Wissen in Frage stellen. Veraltete Wissensstände und falsche Annahmen müssen revidiert werden. Bei diesem Prozess sind innere Widerstände zu überwinden und Denkgewohnheiten abzulegen.

Transfer: Durch die gedankliche Übertragung in neue Kontexte wird Wissen aktiv genutzt und flexibel angepasst. Die praktischen Studienprojekte, dokumentiert in Berichten und Abschlussarbeiten, zielen auf solche Transferleistungen ab. Die erlernten Theorien und Modelle sind dabei auf konkrete Probleme und Fragestellungen anzuwenden.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Textauswertung: Wissen entsteht beim Nachdenken über Texte, weshalb man das Lesen nicht der KI überlassen darf.

Denken > Lesen

Denken unterstützt das Lesen

Lesen ist der aktive Nachvollzug fremder Gedanken. Verschiedene kognitive Fähigkeiten werden dabei kombiniert, beginnend bei der visuellen Wahrnehmung, Objekterkennung, Antizipation und statistischen Auswertung bis hin zu Assoziationen, Interpretation, Zweifel und Selbstbeobachtung.

Neugier: Auch beim akademischen Lesen sollte der freudige Wunsch, Neues für sich zu entdecken, leitend sein. Neue Wissensfelder zu erschließen, ist nicht nur Studienziel, sondern persönlicher Gewinn.

Textverständnis: Mit Tiefem Lesen (deep reading) ist das gedankliche Eindringen in den Text gemeint, das Durchdenken, Analysieren, Reflektieren und Inbezugsetzen zu vorhandenen Kenntnissen. Je größer das allgemeine und spezifische Wissen und die Erfahrung mit der Textgattung ist, desto leichter fällt das Verständnis. Dabei ist es hilfreich, den Text mehrmals zu lesen, Markierungen und Kommentare einzutragen, sich Exzerpte anzufertigen und die Textaussagen mit anderen zu diskutieren.

Kritisches Lesen: Eine kritische Haltung bei der Aufnahme von Information bedeutet einen beständigen Abgleich mit dem eigenen Wissen und den eigenen Erwartungen an den Text. Die Textaussagen werden hinterfragt, angezweifelt, überprüft und gegebenenfalls gedanklich zurückgewiesen. Bei dieser Plausibilitätsprüfung ist stets im Auge zu behalten, dass auch das eigene Wissen fehlerhaft sein kann. Dessen Quellen und die widerstreitende neue Position sind in Hinblick auf ihre Glaubwürdigkeit ergebnisoffen zu vergleichen.

Selbstbeobachtung: Metakognition beim Lesen bedeutet eine ständige Selbstüberprüfung daraufhin, ob sich Verständnis und Erkenntnis einstellen und ob die Lesemotivation und Konzentration noch ausreichend sind.

Lesedisziplin: Da die Konzentration gerne schwindet und die Aufmerksamkeit leicht abwandert, gilt es, sich Lesedisziplin aufzuerlegen, sofern das anfängliche Interesse an der Lektüre nicht etwa zu Recht abgeflaut ist, weil der Inhalt nicht hält, was der Titel versprach. Um das selbst auferlegte Lesepensum zu bewältigen, ist es hilfreich, potenzielle Störungsquellen abzustellen, angenehme Bedingungen zu schaffen und dauerhafte Leseroutinen für sich zu entwickeln.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Textauswertung: Wertet die KI den Text aus, stellt sich kein tiefergehender Leseerfolg ein. Die extrahierten Aussagen sind häufig unvollständig und verzerrt. Es fehlt die Einbettung in den Kontext und die argumentative Herleitung.

Informationsbeschaffung per KI: Wer sich mit KI-Auskünften zufriedengibt, verpasst die geistige Auseinandersetzung mit bereichernden Texten und Literatur.

Denken > Schreiben

Denken unterstützt das Schreiben.

Beim Schreiben sollte sowohl der Schreibprozess als auch das Schreibprodukt geordnet und durchdacht sein.

Textlogik: Das Produkt des Schreibens, der Text, sollte sich durch eine stringente Argumentation auszeichnen (Roter Faden). Der Text sollte in sich zusammenhängend sein (Kohärenz) und frei von Widersprüchen (Konsistenz). Die wiedergegebenen Fakten und Positionen sollten nachvollziehbar dargestellt und klar abgegrenzt sein von den eigenen Argumenten und Schlussfolgerungen.

Schreibstrategien: Ein strukturiertes Herangehen an das Schreiben umfasst die praktischen Vorarbeiten, die Recherche und Stoffsammlung, die Grob- und Feingliederung, die Quellenarbeit, die Niederschrift und die Überarbeitung. Schreibstrategien bereiten das Feld für die Schreiberkenntnis und die Entfaltung des schöpferischen Denkens beim Schreiben.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Gliederungsvorschläge: Den Aufbau eines Textes nach und nach zu entwickeln, umzustellen und umzustrukturieren, ist ein wichtiger Teil des Erkenntnisprozesses beim Schreiben. Ihn aus der Hand zu geben, verhindert Einsichten und erzeugt Mittelmaß.

Denken > Ethos

Denken unterstützt das Ethos.

Die vielfachen Impulse zum Nachdenken, die das Studium bietet, formen den Geist, erweitern das Wissen und schulen das Denkvermögen. Parallel dazu entwickelt sich das Ethos, verstanden als Gesamthaltung, Persönlichkeit und Verantwortungsbewusstsein. Es ist die Basis der Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln in Beruf, Gesellschaft, Wissenschaft und Umwelt.

Reflektiertheit: Reflektierte Menschen überlegen, bevor sie handeln. Sie begründen ihre Urteile argumentativ und treffen informierte Entscheidungen. Sie schätzen die Plausibilität von Informationen ein, indem sie sie zu ihrem Orientierungswissen (Weltwissen und Fachwissen) in Bezug setzen. Sie überprüfen die Herkunft von Informationen und beurteilen die Güte der Quellen oder die Zuverlässigkeit der Urheber.

Geistige Beweglichkeit: Akademisch geschultes Denken basiert auf deklarativem Wissen (Sachinhalte) und prozeduralem Wissen (Vorgehensweisen, Können). Es umfasst implizit und explizit erlernte Denkfähigkeiten. Diese ermöglichen ein schöpferisches Weiterdenken des Erlernten und die Entwicklung eigener, neuer Ideen.

Selbstreflexion: Reflektierte Menschen analysieren beständig ihre Beweggründe, Haltungen und Emotionen. Sie üben Selbstkritik und versuchen, ihr Verhalten mit ihren Werten und Überzeugungen in Einklang zu bringen. Sie sind bereit, an sich zu arbeiten.

Wissenschaftlichkeit: Akademisch geschulte Menschen wissen, mit welchen Methoden in ihrem Fach Erkenntnis gewonnen, überprüft, gesichert und weitergegeben wird. Sie bemühen sich um professionellen Abstand, Nüchternheit, Aufrichtigkeit, Unbestechlichkeit und Vorurteilslosigkeit.

Kritischer Geist: Aussagen stets zu überprüfen, sollte für Akademiker selbstverständlich sein. Stellen sich Behauptungen als nicht zutreffend oder fehlerhaft heraus, sollten sie fachöffentlich mit sachlichen Argumenten zurückgewiesen werden: im Dienst der Sache, nicht aus Rechthaberei oder Geltungsbedürfnis.

Selbstoptimierung: Der Ausbau des Denkvermögens im Studium, der mündlich und schriftlich seinen Ausdruck findet, basiert auf jahrelanger Erprobung, Einübung, Feedbackentgegennahme, Fehlerkorrektur und Vervollkommnung. Er kostet Zeit und Mühe und lässt sich nicht abkürzen. Zur Aufrechterhaltung der geistigen Fähigkeiten sind eine kontinuierliche Anwendung und ein beständiger weiterer Ausbau notwendig (Lebenslanges Lernen). Dafür ist jeder Mensch selbst verantwortlich.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

Ideenfindung per KI: Der bewegliche, schöpferische Geist kann sich nicht entfalten und ausprobieren, wenn er durch KI-Vorschläge auf ein vorgefertigtes Gleis gesetzt wird. Persönlichkeit, Werte und Haltungen bleiben außen vor.

Informationsbeschaffung per KI: Unzuverlässige, tendenziöse KI-Auskünfte sind ein schlechter Ausgangspunkt für das eigene Denken.

Ethos > Lesen

Das Ethos unterstützt das Lesen.

Verantwortungsvolles Lesen heißt sowohl, seine Lektüre sorgsam zu wählen als auch die entnommene Information sorgsam zu verwenden.

Qualitätsbewusstsein: Bevor man sich ans Lesen macht, sollte man Informationen über den Entstehungshintergrund des Textes einholen, um das Risiko falscher oder tendenziöser Informationen einzuschätzen. Akademische Quellenbewertung bezieht sich auf die Relevanz für das eigene Forschungsanliegen und Gütekriterien wie Aktualität, wissenschaftliches Niveau sowie Reputation der Autoren*, Institutionen und Publikationsorgane.

Quellenauswahl: Jeder Leser* trägt eine Eigenverantwortung für die Wahl seiner Lektüre. Er hat seine Bildung selbst in der Hand.

Lesehaltung: Die eigene Haltung zum Text sollte fair und offen und steter Gegenstand der Selbstbeobachtung sein. So gilt es, nicht auf suggestive Mittel und Verkaufsabsichten hereinzufallen, Echokammern zu meiden und Positionen, die den eigenen Vorannahmen widersprechen, eine echte Chance zu geben.

Lesedokumentation: Bereits beim Lesen ist der spätere respektvolle Umgang mit den Quellen vorzubereiten. Die Erfüllung der Nachweispflicht beruht auf einer sorgfältigen Stoffsammlung und fortwährenden Dokumentation in einer Literaturkartei, in der Exzerpte, bibliografische Daten und eigene Kommentare festgehalten sind. Dabei ist Sorge zu tragen, dass sich eigene und fremde Gedanken nicht mischen.

Ethos > Denken

Das Ethos unterstützt das Denken.

Die Gedanken sind frei und sollten nicht durch ein moralisches Korsett begrenzt werden. Dennoch gilt es, sich beim Nachdenken selbst zu beobachten, Fallstricke zu vermeiden, Bescheidenheit zu üben und eigene Leitplanken zu setzen.

Aufrichtigkeit: Nachdenken sollte sachorientiert und ergebnisoffen geschehen. Die eigene Emotionalität sollte als Faktor wahrgenommen werden, der das Denken beeinflusst. Voreingenommenheit und Vorurteile sind zu erkennen und zu überwinden. Dazu ist viel Aufrichtigkeit nötig, Demut und echtes Interesse an neuen Erkenntnissen.

Bescheidenheit: Das Studium vermittelt einen Eindruck vom beständig anwachsenden Ozean des Wissens, von dem nur ein kleiner Bruchteil der eigenen Kenntnis zugänglich ist. Akademisch geschulte Menschen erkennen an, dass sie in den meisten Fragen auf die Expertise ihrer Fachkollegen* angewiesen sind. Auf Feldern, die außerhalb ihrer Kenntnis liegen, maßen sie sich kein Urteil an, sondern vertrauen auf die mehrheitliche Fachmeinung zu diesem Thema, publiziert in wissenschaftlichen Medien.

Streitkultur: Gedankliche Radikalität ist hilfreich und erwünscht, sie dient der Zuspitzung des Arguments. Es ist wichtig, dabei die Trennung von Sache und Person im Auge zu behalten. Die Freiheit des Denkens und Kritisieren darf die grundsätzlich freundliche, faire und respektvolle Haltung gegenüber den Diskursgegnern nicht beeinträchtigen.

Selbstschutz: Fairness sollte auch bei der Selbstkritik leitend sein. Diese sollte nicht in Autoaggression umschlagen. Der eigenen Person, ihren Schwächen und Begrenztheiten mit Verständnis zu begegnen, ist eine guter Ausgangspunkt für das Nachdenken über sich selbst.

Ethos > Schreiben

Das Ethos unterstützt das Schreiben.

Schreiben und Publizieren ist ein sozialer Akt, der von Verantwortung für die Sache, die eigene Person und die Diskursgemeinschaft geprägt sein sollte.

Zuschreibbarkeit: Jede Aussage eines akademischen Textes muss in ihrer Herkunft und Datengrundlage transparent und nachvollziehbar sein. Eigene und fremde Leistungen sind klar zu trennen. Der exakte Nachweis der Provenienz jeder Textaussage und Angabe wird durch die Einhaltung der Zitierstandards gewährleistet.

Sachlichkeit: Schreiben bietet die Möglichkeit, die eigenen Einsichten einem größeren Publikum vorzutragen, als man es im direkten Kontakt erreichen könnte. Das Ethos sorgt dafür, dass man sich bei der Diskursteilnahme dennoch auf jene rhetorischen Mittel beschränkt, die der Klarheit und Deutlichkeit des Dargestellten dienen, und auf jene verzichtet, die aufmerksamkeitsheischend, suggestiv oder polarisierend wirken.

Wahrhaftigkeit: Akademische Redlichkeit ist die Grundlage jeder Wissenschaft. Die Exaktheit und Korrektheit aller Angaben kann durch Dritte, etwa durch die Qualitätskontrolle im Peer-Review oder einen Plagiatstest, nur stichprobenartig überprüft werden. Die eigentliche Verantwortung liegt bei den Forschenden, die ihre Aussagen nach bestem Wissen und Gewissen treffen und unliebsame Ergebnisse nicht verschweigen.

Relevanz: Es liegt in der Eigenverantwortung wissenschaftlicher Autoren*, ihr Fachwissen auf dem neusten Stand zu halten und die Relevanz ihrer Beiträge zu gewährleisten. Ihr Diskursbeitrag sollte nicht nur korrekt und wahrheitsgetreu, sondern auch sinnvoll und bereichernd für die Diskursgemeinschaft sein.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Texterstellung: Ein von der KI verfasster Text ist der promptenden Person nicht eindeutig zuzuschreiben. Von Wahrhaftigkeit kann keine Rede sein.

KI-Textbearbeitung: Bei der Überarbeitung durch die KI wird die Sprache und Aussage des Textes verändert, was dessen Zuschreibbarkeit zum ursprünglichen Verfasser* verunklart.

Schreiben > Denken

Schreiben unterstützt das Denken.

Schreiben dient dem Festhalten, Entwickeln und Weitergeben von Gedanken. Fachkenntnisse werden im Studium schreibend erworben. In gewisser Hinsicht sind die Ausdrücke „studieren“ und „schreiben“ fast gleichbedeutend, sofern noch die Schreibvorbereitung, nämlich das Lesen, mit hinzukommt.

Fixierung: Durch Notizen lassen sich Gedanken, die ihrer Natur nach flüchtig sind, einfangen und festhalten. Sind sie einmal aufs Papier gebracht, können sie nicht vergessen, sondern archiviert und weiterverwendet werden. Dokumentation ist die vielleicht naheliegendste Funktion des Schreibens, beginnend mit dem Einkaufszettel und der Telefonnummer.

Zuspitzung: Eine schriftliche Fassung von Gedanken erzwingt eine Präzisierung und Prägnanz, die beim bloßen Nachdenken, aber auch beim Sprechen, nicht erreicht wird. Hierbei spielt die Verwendung von Fachsprache eine wichtige Rolle, da Fachbegriffe, anders als Begriffe der Alltagssprache, randscharf definiert sind und eine präzise Bezeichnung des Gemeinten ermöglichen.

Sortierung: Indem Gedanken schriftlich in eine Form gebracht werden, die sie in Bezug zueinander setzt und Abhängigkeiten und Hierarchien offenlegt, wird aus dem Wust im Kopf ein System und damit ein Ausgangspunkt für wissenschaftliche Systematik, Theorie- und Modellbildung.

Fortentwicklung: Wenn Gedanken einmal zu Papier gebracht sind, lassen sie sich umwenden, verschieben, vertiefen, ausbauen, ausarbeiten, problematisieren und weiterführen. Die Arbeit am eigenen Text setzt das schöpferische Denken frei, es vollzieht sich im Ringen mit den Worten. Die Auseinandersetzung mit dem Stoff ist ein kreativer, aufregender, langwieriger und manchmal auch mühseliger Weg, der Sackgassen, Irrwege, Zirkel und komplexe Verästelungen aufweisen kann.

Schreiberkenntnis: Das epistemische Schreiben, das Denken auf dem Papier/Bildschirm, ist die Grundlage des Erkenntnisfortschritts und Wissenszuwachses im Studium. Im Studium bezeugt die Abschlussarbeit die nun vorhandene Fähigkeit, in schriftlicher Form und unter Verwendung der geeigneten Methoden fachliche Erkenntnis zu gewinnen.

Denktraining: Schreiben ist eine Methode, mit der sich die Ausformung und kreative Hervorbringung eigener Gedanken einüben lässt. Je häufiger und anspruchsvoller das Training, desto stärker und nachhaltiger der Effekt. Schreibaufgaben im Verlauf des Studiums (writing across the curriculum) sind ein wichtiges Mittel, geistige Flexibilität, Findigkeit und Problemlöserqualitäten zu erlangen.

KI-Textbearbeitung: Gerade die redigierende Weiterarbeit am Text ermöglicht den Erkenntnisfortschritt. Eine Trennung zwischen „sprachlicher Oberfläche“ und Textaussage ist illusorisch, denn Sprache und Bedeutung sind eins.

Schreiben > Lesen

Schreiben unterstützt das Lesen.

Niemals ohne Stift lesen! In vielfacher Hinsicht wird das Leseverstehen durch schriftliche Ergänzungen befördert.

Markieren: Es gilt, beim Lesen die Stelle, an der eine Textaussage am besten auf den Punkt gebracht wird, optisch hervorzuheben, um sie bei der späteren Auswertung und Verwendung der Quelle wiederzufinden. Dieser Vorgang ist keineswegs trivial und kann erst beim zweiten Lesen erfolgen, da dann alle konkurrierenden Stellen bekannt sind.

Annotieren: Eigene Kommentare und symbolische Kennzeichnungen in den Text einzufügen, dient der Dokumentation des Leseverstehens, das seiner Natur nach flüchtig ist. Festgehalten wird dabei auch das Ergebnis des kritischen, zweifelnden, hinterfragenden Herangehens an den Text sowie mögliche Erwiderungen und weiterer Recherchebedarf.

Exzerpieren: Die für das eigene Forschungsanliegen relevanten Textinhalte „herauszuklauben“ (lat. excerpere), ist eine wichtige Teilkompetenz des akademischen Lesens. Es geht dabei einerseits um das Auffinden der Stellen im Text, das „Rosinenpicken“, und andererseits um die Kunst der Komprimierung. Beim Zusammenfassen von Inhalten ist es von größter Wichtigkeit, die eigenen Gedanken davon getrennt zu halten und beides im Rahmen einer Literaturkartei zu dokumentieren.

Macherperspektive: Wer viel schreibt, liest mit anderen Augen. Textsortenwissen erwirbt man nicht nur durch Lesen, sondern auch durch das Verfassen dieser Textsorten. Dieses lässt einen wiederum als Leser* auf Details und Besonderheiten achten, die jemandem, der die Produktionsperspektive selbst nicht kennt, nicht auffallen würden.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Textauswertung: Wer die KI Kernaussagen extrahieren lässt, verpasst die geistige Auseinandersetzung mit dem Text und geht das Risiko falscher Gewichtung und Wiedergabe ein.

KI-Texterstellung: Wenn die KI die Texte schreibt, lernt man die Macherperspektive nur sehr rudimentär kennen.

Schreiben > Wissen

Schreiben unterstützt das Wissen.

Wissen wird im Studium schreibend erworben, gefestigt und vervollständigt. Dies gilt für Theoriewissen und Fachkenntnisse (deklaratives Wissen) ebenso wie für fachliches Können und Know-how (prozedurales Wissen).

Festhalten: In Mitschriften aus Studienveranstaltungen und den Exzerpten aus gelesenen Texten sammelt sich an, was es zu lernen und zu wissen gilt.

Sortieren: Parallel zum Redigieren, Umformulieren und Zusammenfassen der eigenen Notizen und Exzerpte ordnet sich das Wissen im Kopf.

Lernmethode: Wissen muss durch aktive Verarbeitung verankert und abrufbar gemacht werden. Dazu ist Schreiben ein probates Mittel, wie vielen bereits aus der Schule bekannt ist (writing to learn). Durch Schreiben, insbesondere handschriftliches Schreiben, kann man Lerninhalte ins Gedächtnis „einschreiben“.

Implizites Lernen: Indem Textsorten, Prozeduren und Ausdrucksweisen schreibend nachgeahmt werden (Imitationslernen), übernimmt man unbemerkt die Denkkultur, die diese Sprachformen geprägt hat. Indem etwa ein Laborbericht verfasst wird, wird die zugrundeliegende Forschungshandlung verstanden und eingeübt. Bei Fachtextgattungen bedeutet dies eine Enkulturation ins Fach, eine unbemerkte Anverwandlung und dauerhafte Formung des eigenen Geists. Aus Studierenden werden Fachleute.

Schreiberkenntnis: Das epistemische Schreiben, das Denken auf dem Papier/Bildschirm, ermöglicht einen Wissenszuwachs von innen heraus. Die bereits angelesenen Wissensinhalte werden dabei kreativ verknüpft und produktiv erweitert.

Komplettierung: Beim Schreiben lassen sich Wissenslücken und Halbwissen nicht mehr verbergen. Schnell merkt man, wo Nachschlage- und Recherchebedarf besteht und das eigene Wissen vervollständigt werden muss.

Austausch: Durch seine kommunikative Kraft ist Schreiben ein sozialer Akt zwischen zwei oder mehr Personen. Dabei sind Konventionen und Erwartungen zu beachten, die sich aus Faktoren wie dem Schreibanlass, dem Gegenstand, der Textgattung, dem Zielpublikum und der verfolgten Absicht ergeben und die stilistische Angemessenheit eines Textes bedingen.

Verbreitung: Zu Papier gebrachte Erkenntnisse lassen sich teilen. In der Wissenschaft dient dazu das weltweite Publikationssystem, im Lehrbetrieb sind es die Lehrmaterialen und Skripte. Im beruflichen und privaten Umfeld existiert eine Vielzahl schriftlicher Kommunikationskanäle nebeneinander, z. B. E-Mails, Posts und Textnachrichten.

Mündlichkeit: Schreiben unterstützt das mündliche Können. Das Reden baut im akademischen Kontext auf Schriftlichkeit auf. Professionelle Vorträge, Präsentationen und Redebeiträge geschehen nicht aus dem Stegreif, sondern stützen sich auf schriftliche Notizen und Ausarbeitungen. Begleitend kommen Schriftformen wie Vortragsfolien und Handouts zum Einsatz.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Gliederungsvorschläge: Die erworbenen Wissensinhalte schreibend zu sortieren, hilft bei der Festigung, Systematisierung und Komplettierung des eigenen Wissens. Dies auszulagern, ist nicht zielführend.

KI-Texterstellung: Schreiben funktioniert als Lern-, Denk- und Vorbereitungsmethode natürlich nur, wenn man es selber tut.

Schreiben > Ethos

Schreiben unterstützt das Ethos.

Die Teilnahme am wissenschaftlichen Diskurs bedeutet eine schriftliche Festlegung und Positionierung. Die eigene Haltung, Werte, Ideen und Ansichten werden im Zuge des Schreibens ermittelt, formuliert und reflektiert.

Positionierung: Im Zuge des Schreibens und Publizierens entwickelt man ein Thema für sich und sich selbst in Bezug auf das Thema. Schreiben ist erkenntnisfördernd und persönlichkeitsbildend. Wissenschaftliches Publizieren bedeutet, die eigenen Thesen der weltweiten Diskursgemeinschaft zur kritischen Beurteilung vorzulegen. Man lernt, Verantwortung für seine Position zu übernehmen und Gegenwind auszuhalten.

Schreibstimme: Im Schreiben drückt sich die Autorenpersönlichkeit aus, die eigene Weltsicht verrät sich, die „Schreibstimme“ wird hörbar. Je näher die Textgattung am Kunstwerk liegt (z. B. Lyrik), desto deutlicher die subjektive Färbung, die Originalität und persönliche Botschaft. Doch auch Sach- und Fachtexte tragen die Handschrift des Autors*, auch wenn er sich bemüht, hinter seinen Gegenstand zurückzutreten. Unsichtbar ist er nie.

In diesem Kontext potenziell schädlicher KI-Gebrauch

KI-Texterstellung: Texte mit KI zu verfassen, heißt, die eigene Schreibstimme zu knebeln und die eigene Positionierung aus der Hand zu geben. Für die Leser ist das Würfelergebnis einer KI als Lektüre uninteressant.

KI-Textbearbeitung: Bei der Überarbeitung durch die KI wird die Originalität eines Textes eingeebnet und die Aussage oftmals verfälscht.

Kompetenzrelationen (Kantenbeschriftungen als Liste)

Ethos > Denken
Ethos > Lesen
Ethos > Schreiben
Schreiben > Ethos
Schreiben > Denken
Schreiben > Lesen
Schreiben > Wissen
Lesen > Ethos
Lesen > Schreiben
Lesen > Denken
Lesen > Wissen
Denken > Ethos
Denken > Schreiben
Denken > Lesen
Denken > Wissen
Wissen > Schreiben
Wissen > Lesen
Wissen > Denken

Zuordnung der KI-Nutzungsarten zu den Kompetenzrelationen

Informationsbeschaffung per KI

KI-Textauswertung

KI-Gliederungsvorschläge
Ideenfindung per KI
KI-Texterstellung
KI-Textbearbeitung

Schädliche KI-Nutzungsfolgen

Demokratiegefährdung
Fehl- und Desinformation
Kontaminierung des Menschheitswissens
Marginalisierung von Mindermeinungen
Finanzierungseinbruch für den Journalismus
Fortschrittslähmung
Schwächung von Unternehmen
Datenverlust
Bedeutungsentwertung von Bildungsabschlüssen
Absurde Prüfungssituationen für Lehrende
Absurde Prüfungssituationen für Lernende
Lernverhinderung
Technikabhängigkeit
Kompetenzillusion
Verfügbarkeitsillusion
Fehlender Biss
Kompetenzschwund
Kreativitätshemmung
Beeinflussung
Gewöhnung an epistemische Unsicherheit
Verfälschung der Textaussage
Mediokrität als Stilideal (Verflachung)
Entwertung von Textbeiträgen
Beeinträchtigte Autorschaft
Unrechtsgefühl
Vermindertes Selbstwertgefühl
Ökologische Gewissensbisse
Soziale Gewissensbisse
Mitschuld am Berufesterben
Maschinenglaube
Vertrauensseligkeit
Emotionale Abhängigkeit
Phantasmatische Zukunftsangst
Realistische Zukunftsangst

Fehlen im Kompetenzmodell Aspekte? Wurden bestimmte Auswirkungen des KI-Gebrauchs noch nicht berücksichtigt? Die Autorin freut sich über Ihre Hinweise und Rückmeldungen! Anders als eine Buchpublikation ist dieser Beitrag ständig erweiterbar. Bitte Nachrichten an: oertner@oertner.net

Autorschaft, Idee und technische Umsetzung: Dr. Monika Oertner, Konstanz, 2026.

Inspiration und Austausch im Netzwerk der Schreibzentren in Baden-Württemberg, insbesondere mit Dr. Jochen Berendes, Karlsruhe; Florian Elben M. A., Schwäbisch Gmünd; Dr. Carina Gröner, St. Gallen; Thomas Heintz, Karlsruhe; Anna-Maria Wenzel-Elben M. A., Stuttgart, und dem Schreiblabor des KIT. Technische Unterstützung: Dipl.-Psych. Joern Bach, Konstanz; Tibi von Future Web Design, London. Wichtiger Hinweis: Die kollegiale Unterstützung durch die genannten Personen und Institutionen besagt nichts über deren eigene Positionierung zum Thema KI, die fallweise stark abweichend ist. Die Autorin dankt herzlich für die konstruktive Zusammenarbeit in den Jahren 2025 und 2026, ohne die dieses Projekt nicht realisiert worden wäre. Mehr zum Entstehungshintergrund verrät das Begleitwort.
*Genderhinweis: Die hier verwendete Methode, Geschlechtergerechtigkeit beim Schreiben anzudeuten, ist das Wache Maskulinum.
Alle Inhalte dieser Webseite wurden KI-frei erstellt.
Bibliografische Angaben: Oertner, Monika (2026): Akademische Basiskompetenzen. Ihr empfindliches Zusammenspiel und ihre Gefährdung durch KI-Gebrauch, dargestellt im 3D-Modell, URL: www.akademische-basiskompetenzen.de, Abrufdatum
Akademische Basiskompetenzen. Ihr empfindliches Zusammenspiel und ihre Gefährdung durch KI-Gebrauch, dargestellt im 3D-Modell © 2026 by Monika Oertner is licensed under CC BY-NC-ND 4.0